Kibuye / Ruanda
erster Einsatz 2026
Machetenverletzungen sind hier Alltag
Ein 9-köpfiges OP-Pflege und Ärzteteam von VIA CORDIUM e.V. war kürzlich in Ruanda. Das Ziel: Ein langfristiges operatives Hilfsprojekt aufzubauen.
Text: Laura Tomala
Wenn ich die Augen schließe und an unseren Einsatz in Ruanda denke, höre ich dicke Regentropfen gegen die Fensterscheibe prasseln. Das Bild klart sich auf und hinter einem dünnen Nebel aus Regentropfen zeigt sich ein großer ruhiger See, welcher umringt ist von Palmen und grünen Wäldern, im Hintergrund Bergketten. Der See ist der „Lake Kivu“, einer der tiefsten Seen Afrikas und er glitzert morgens verschlafen in der Sonne während die Vögel so laut zwitschern, dass man sie vermutlich noch im benachbarten Kongo hören kann. In diesem dichten Grün befindet sich das Kibuye Krankenhaus, welches wir – ein 9-köpfiges Team der Lübecker Hilfsorganisation VIA CORDIUM e.V. - kürzlich besuchten. Nach intensiver Vorbereitung sind wir mit unseren fast 400 kg Gepäck, welches medizinische Ausrüstung und Medikamenten enthielt, in Ruanda angekommen. Wir hatten das Ziel, die Kollegen vor Ort kennenzulernen, gegenseitig voneinander zu lernen, gemeinsam zu operieren und unser Wissen weiterzugeben. Empfangen wurden wir am Flughafen bereits von Osee Ntavuka, den Leiter der ruandanischen Partnerorganisation RWANDA LEGACY OF HOPE. Nur durch die langjährige Zusammenarbeit und das entstandene Vertrauen zu der Partnerorganisation vor Ort, welche enge Verbindung zum ruandanischen Gesundheitsministerium hat, war dieser Einsatz möglich, denn Osee Natavuka sagte eindeutig, dass unser Einsatz benötigt und gewünscht ist und die ruandanische Hilfsorganisation als auch das Gesundheitsministerium diesen Einsatz fördert.

Das Team besteht aus Jacqueline Bruhn, Oste Ntacvuka (Leiter der Rwanda Legacy of Hope), Josy Hilliard (Rwanda Legacy of Hope), Silvia Heilenkötter, Kerstin Hellweg, Veronika Dudeck, Marion Reising, Laura Tomala, Manuela Hellwig-Lourenco, Mathias Tomala.

Das chirurgische Team bei der Frühbesprechung.
Wieviele Menschen passen in einen OP-Saal?
Das Interesse an unserem theoretischen wie praktischen Austausch mit unseren ruandanischen Kolleg*innen im Krankenhaus von Kibuye ist groß und so kommen OP-Pflege, Anästhesiepflege, Anästhesisten und Chirurgen zusammen – alle in einen OP-Saal. Bei unserem Unterricht ging es nicht darum zu belehren, sondern nur zu zeigen, wie wir es in Deutschland in unseren Kliniken machen. Operiert haben wir nach einer intensiven Sprechstunde, um die OP-Indikationen zu besprechen, die Patienten zu befragen und aufzuklären. Immer mit dabei ärztliche Kolleg*innen welche beim Übersetzen und beim Dokumentieren helfen.
Machetenverletzung sind hier Alltag.
Welche Patienten werden uns vorgestellt? Da Mathias Tomala ein Spezialist für Bauchdeckenrekonstruktionen und Hernienchirurgie ist, werden ihm Patienten mit diesen Erkrankungen vorgestellt. Da Frauen in Ruanda oft viele Kinder bekommen, sind Bauchdeckenprobleme und Brüche häufig. Ich selbst bin Plastische Chirurgin und Handchirurgin und ich sah viele Patienten mit kontrahierenden Narben nach Verbrennungen, Keloiden, älteren unversorgten Handverletzungen. Die Verbrennungen sind häufig, besonders bei Kindern, welche beim Spielen in das offene Feuer fallen. Und da es in ganz Ruanda – ein Land so groß wie Belgien – keinen Handchirurg*innen gibt, ist die Versorgung hier nur eingeschränkt möglich. Es fehlt auch an Ausrüstung dafür, mikrochirurgische Instrumente sind in Kibuye beispielweise nicht vorhanden. Viele Menschen können nicht in die Hauptstadt Kigali reisen, wo einige Spezialisten operieren, da es zu weit und zu teuer ist, sie haben auch keine
Verwandtschaft vor Ort, welche sich um sie in dieser Zeit nach der Operation kümmern könnten. Was ich in Kibuye sehe und nicht in Deutschland? Machetenverletzungen. Macheten wird für die Landwirtschaft genutzt und sind sehr scharf, sie führen meist zu tiefen Schnittwunden und Amputationsverletzungen, welche eine aufwändige Rekonstruktion bedürfen.

Beim Operieren: Marion Reising, Yamane Mezgebe Kidane (Arzt in der Weiterbildung in Ruanda), Laura und Mathias Tomala

Leonard Niyitegeka zusammen mit Kerstin Hellwig bei der Op-Vorbereitung.
Ein UFO über dem Krankenhaus.
Wir stehen vor dem Krankenhaus nach einem langen Op-Tag. Plötzlich zeigt sich am Himmel ein recht tief fliegendes unbekanntes Flugobjekt. Es kommt näher und über dem Krankenhaus kann man es erkennen – ein sehr kleines Flugzeug, so klein dass unmöglich ein Mensch darin Platz fände. Über dem Krankenhaus wirft es ein Paket ab, welches an einem kleinen Fallschirm auf dem Gelände landet. Die Recherche ergibt, dass in Ruanda das Unternehmen Zipline durch autonom fliegende Drohnen die medizinische Versorgung im Land enorm verbessert hat. Seit 2016 sind die Mini-Flugzeuge im Einsatz, welche Blutkonserven, Impfstoffe und spezielle Medikamente in entlegene Gebiete des Landes bringen.
Modernes Ruanda.
Wir haben gut ausgebildete Ärzte und Pfleger kennengelernt, es gibt eine sehr gute Basisversorgung welche für alle Menschen zur Verfügung steht – abgesichert durch eine Krankenversicherung. Neben den Drohnen, welche im Notfall im Einsatz sind, ist das reguläre Straßennetz auch sehr gut ausgebaut und asphaltiert, es gibt sogar zu unserer Verblüffung Blitzer am Straßenrand – wie ich gehört habe ein Import aus Deutschland. Es gibt in Ruanda zudem ein Plastiktütenverbot, es liegt nirgends Müll herum, die Gewässer sind sauber. Im Zentrum der Hauptstadt stehen neben Palmenalleen moderne Hochhäuser und das Kongressgebäude gleicht einem gelandeten Ufo mit Glitzerkette. Im Gespräch mit der jungen Generation der Ruandaner merkt man schnell, dass das Land in Aufbruchstimmung ist, Film, Musik, Mode – alles entwickelt sich, es gibt eigene Brands und Filmfestivals. Es ist zu spüren, dass sie Menschen nach dem traumatischen Erlebnis des Völkermordes an den Tutzi 1994, nach dem es kaum eine Familie gab welche nicht von den Verlusten der Massenmorde betroffen war, befreien möchten, hin zu einem modernen afrikanischen Land. Die positiven Veränderungen haben auch sekundär das Gesundheitssystem verändert, denn durch die guten Arbeits- und Lebensbedingungen kommen auch viele Ärzte der umliegenden Länder zum Arbeiten nach Ruanda, unter anderem aus dem Sudan, Burundi und Äthiopien.
Am Ende kann ich sagen: Murakoze – es bedeutet „Danke“ auf Kinyanruanda und heißt wörtlich übersetzt „Du hast gearbeitet“. Ja, wir haben gearbeitet aber auch so viel Freude und Dankbarkeit zurückbekommen. Unser Herz schlägt für unsere Kolleg*innen und Kibuye und wenn ich die Augen schieße sehe ich uns wiederkommen in das Land der tausend Hügel.

Mit rund 400 kg Gepäck nach Kibuye.
Erfahren Sie mehr über unsere Arbeit in Ruanda auf YouTube.


"Gemeinsam können wir alles schaffen" - Teamgeist in Ruanda.

